Rouvikonas lässt sich interviewen

Von Ralf Kliche
Die anarchistische Gruppe Rouvikonas (Ρουβίκωνας, Rubikon) ist in Griechenland in den letzten Monaten durch spektakuläre politische Aktionen aufgefallen, die ihr viele Resonanz, Kritik und Zustimmung in den Medien und in der Bevölkerung eingebracht haben.
Dazu gehörten Farbbeutel-Attacken auf das türkische Generalkonsulat wegen ihres Krieges gegen syrische Kurden, auf eine Druckerei, die Beschäftigte wegen gewerkschaftlicher Tätigkeiten entlassen hatte, aber auch gegen das Pharmaunternehmen NOVARTIS wegen Korruption und Preismanipulationen. (1) Hinzu kommt, dass die Gruppe ihre Aktionen grundsätzlich in der Öffentlichkeit ausführt, z.T. selbst filmt und die Aufnahmen ins Netz stellt. So auch bei ihrer kurzfristigen Besetzung des griechischen Innenministeriums (03/2018) und des Wirtschaftsministeriums (01/2018) oder bei ihrem Besuch in der Zentrale der Elektrizitätsgesellschaft wegen Stromabschaltungen (11/2017). Ein Arzt des Athener Krankenhauses Evangelismos wurde wegen seiner Annahme von Bestechungsgeldern massiv bedroht (10/2017). In Solidarität mit dem Widerstand der Palästinenser wurden sowohl das griechische Außenministerium wie die israelische Botschaft attackiert (12/2017). Eine Zusammenstellung findet sich auf Youtube unter dem Suchbegriff „Rouvikonas“ (2). 18 Mitglieder wurden Ende 2017 zu einer 6-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt, weil sie durch eine Besetzung der spanischen Botschaft gegen das spanische Vorgehen gegen die katalanische Unabhängigkeitsbewegung protestiert hatten.
Jetzt haben Vertreter (erstmals?) dem lateinamerikanischen Fernsehsender Telesur ein Interview gegeben, in dem sie ihre politischen Ansichten und Zielsetzungen erläutern. (3) Der auf Youtube zu findende Mitschnitt (25 min., https://youtu.be/5QqFrGmNQUQ) ist in spanischer Sprache. Die griechischen Antworten der beiden Rouvikonas -Vertreter sind spanisch untertitelt, für entsprechend Sprachkundige sollte das Original also verständlich sein.

Die Ziele ihrer seit 5 Jahren bestehende Organisation beschreiben sie so: „Unser Ziel ist der Widerstand gegen das, was in den letzten Jahren in Griechenland passiert.“ „Am Ende der Reise stehen Anarchie und Kommunismus.“ Sie wollen der Welt ein Beispiel geben, auf die Straße zu gehen.

Ihrer Beschreibung zufolge ist die Widerstandsbewegung in Griechenland derzeit „tot“. „Sie starb mit dem Aufstieg von SYRIZA an die Macht. SYRIZA machte das, was alle Parteien der Linken an der Macht tun, das was die Sozialdemokratie macht. Sie haben die Kämpfe einer ganzen Epoche umarmt und vereinnahmt, sie transformiert und als Unterwerfung und Apathie wieder ausgespien. Gegenwärtig ist die griechische Gesellschaft in einem Zustand des Schocks. Die Kämpfe, in die sowohl die anarchistischen als auch die anderen Parteien der Widerstandsbewegung viel investiert haben, sind gescheitert. “

Sie meinen, man würde es sich zu einfach machen, wollte man SYRIZA und der Sozialdemokratie ihr Verhalten vorwerfen, die hätten sich nur ihrer Logik gemäß verhalten. Ein Chamäleon sei halt ein Chamäleon. Demgegenüber müsse man selbstkritisch feststellen, dass es den radikalen Kräften in der griechischen Gesellschaft nicht gelungen sei, ihre Ideen zu verbreiten.

Jetzt gelte es, die Bewegung wiederzubeleben, vor allem auf der Straße. „Das anarchistische Kollektiv wird versuchen, die Bewegung in diese Richtung voranzutreiben.“

Das Interview mit einem lateinamerikanischen Sender begründen sie zum einen mit ihrem schwierigen Verhältnis zu den griechischen Medien, zum anderen mit ihrer internationalistischen Ausrichtung und weltweiter anarchistischer Solidarität. In ihren Augen stehen der Balkan und das östliche Mittelmeer heute im Zentrum imperialistischer Interessen und die einzige Möglichkeit dagegen vorzugehen, sei die internationale Solidarität – insbesondere die Zusammenarbeit mit der kurdischen und türkischen Opposition.

Auch zu Gewaltfrage haben sich die beiden Rouvikonas -Vertreter geäußert: Ja, sie ist ein politisches Werkzeug. Natürlich wolle niemand grundsätzlich Gewalt zur Lösung von Konflikten einsetzen aber „Gewalt ist ein Mittel der Politik, seit es Politik gibt. Auf der einen Seite steht (direkt oder indirekt) die Gewalt des Staates und des Kapitals, auf der anderen Seite die Gewalt der Unterdrückten, die Gewalt der Arbeiterklasse.“ „Wir haben uns für ein gewisses Maß an Gewalt entschieden. Wir haben eine bestimmte Stufe erreicht und dabei werden wir auch bleiben.“ „Was wir machen, machen wir unter unserem Namen, auch wenn wir illegale Aktionen unternehmen.“

Quellen:
(1) https://www.derstandard.de/story/2000077976141/anarchistengruppe-rubikon-schreckt-athener-buergertum
(2) Der Suchbegriff „Ρουβίκωνας“ liefert ein etwas anderes Ergebnis. Die Gruppe hat nichts mit der gleichnamigen Webseite https://www.rubikon.news zu tun.
(3) Bericht siehe: http://www.efsyn.gr/arthro/tileoptiki-synenteyxi-melon-toy-royvikona

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